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Michaela Rotsch: GOBO_LINE

GOBO_LINE - Installation von Michaela Rotsch

 

 

Michaela Rotsch:

GOBO_LINE

 

Eröffnung:

Freitag, den 9. April 2010

von 19 - 22 Uhr

mit begleitenden Worten
von Tilman Spengler

 

Ausstellung vom
9. April bis 8. Mai 2010,

Öffnungszeiten:
Samstags von 12.00 - 16.00 Uhr
sowie nach Vereinbarung

 

GOBO_LINE Blog

Presse

 

 Hörlink "LORA Kultur" (16.04.2010)

 

 

Das zentrale Modul der Installation GOBO_LINE von Michaela Rotsch ist ein GOBO. Die Rauminstallation ist Teil eines global angelegten Projekts. Sie fokussiert Wahrnehmungsbezüge zur Stadtstruktur Shanghais. Was ist ein GOBO?

 

 

GOBO_LINE

 

Gesetztenfalls, alles kann Kunst sein, gesetztenfalls, jedes Fundstück kann durch den Zusammenhang, in den es gesetzt wird, Kunst werden, gesetztenfalls, das Kunstwerk ist eine Werkstruktur, bestehend aus Konzept und Werkprozess, in dem die hergestellten Produkte Materiallager für weitere Materialisierungs-, Visualisierungs- und Denkprozesse bilden, dann genügt ein nichtiger Anlass, ein bedeutungsloser Schnipsel, um ein global vernetztes, progressives Kunstwerk zu initiieren, seine Ausbreitung zu beobachten, immer wieder steuernd einzugreifen und neu zu formieren.

 

Der Ursprung von Michaela Rotschs GOBO_LINE ist ein Zwischenraum zwischen zwei Akteuren aus dem Film "GATTACA", in dem aus einem unsichtbaren Mikrobereich heraus perfekte Menschen, in einer perfekten Architektur, in einer perfekten Umgebung geschaffen werden. Dieser Filmschnipsel, der erst im Filmstill sichtbar wird, ist an sich immateriell, erst dadurch, dass die Künstlerin ihn auswählt und zu einem zweidimensionalen Objekt macht, bekommt er eine materielle Existenz. Der Anlass für das Kunstwerk ist ein kaum benennbares Objekt. Die global angelegte Werkstruktur wird also aus einer ortlosen Beliebigkeit, aus eine immateriellen Keimzelle heraus geschaffen.

 

Einmal existent, werden von der Künstlerin Parameter vorgegeben, mit denen aus dem Schnipsel von verschiedenen Gruppen von Akteuren Musterblöcke erstellt werden. Da dabei Handarbeit als wesentlicher Faktor zugelassen ist, entsteht ein zwar variabler, aber doch vorhersehbarer Spielraum für die jeweilige Individualität des Akteurs. Je nachdem, wie er den Schnipsel ausschneidet und wie er ihn im vorgegebenen System platziert, bringt er seine Persönlichkeit ein. Jedes Produkt ist eine Interpretation der Vorgaben der Künstlerin, die in verschiedenen Möglichkeiten variiert werden.

 

An dieser Vorgehensweise zeigt sich die arabeske Organisationsstruktur der Arbeit. Seit der Antike benennt die Arabeske im westlichen wie östlichen Kulturkreis das Prinzip von "Lücke und Umweg", sowie "Anpassung und Abweichung". Im Arbeitsprozess wird die grundlegende Vorgabe nicht linear umgesetzt, sondern in um sie kreisenden Bewegungen und immer wieder neuen Ansätzen fortentwickelt. Einmal initiiert, vervielfältigt sich der Schnipsel wie im Diagramm des exponentiellen Wachstums einer globalen Marktwirtschaft. Vom europäischen Ursprungsort werden diese "arabesken Mustermodule" von der Künstlerin in andere Erdteile transferiert und mit anderen Kulturen vernetzt: Die abendländische Malereitradition der Bildenden Kunst mit der islamisch marokkanischen Tradition des Atlasgebirges (Ait Bouguemez), der konfuzianischen, taoistischen Chinas (Shanghai) und der hinduistischen im Westen Indiens (Ahmedabad). Dabei werden verschiedene Spielarten der textilen Herstellung gewählt: von der individuellen Handarbeit im Atlasgebirge über die meisterhafte Kopie einer Werkstattarbeit in Indien bis zur maschinellen Herstellung in China, was zu verschiedenen Arten der Abweichung von der Mustervorgabe führt. Diese sind bei der maschinellen Umsetzung minimal, da die möglichst perfekte Ausführung der Vorlage im Vordergrund steht, zugleich wird aber die Mustervorlage vereinfacht und dadurch abstrahiert. Bei der individuellen Handarbeit, wird die Vorlage maximal variiert und von Weberinnen in adaptierter Form in den eigenen, traditionellen Musterpool aufgenommen. Mit diesem "neuen Muster" entstehen selbst entwickelte Eigenkreationen, die den kontrollierbaren Projektrahmen sprengen und das Projekt in den Pionierraum einer neuen Kulturform entlassen.

 

Von diesem Punkt aus arbeitet die Künstlerin auf zwei Ebenen weiter. Zum einen veranlasst sie andere Akteure, in verschiedenen Kulturkreisen mit den bereits vorhandenen Modulen weiterzuarbeiten und vernetzt sie mit den Ergebnissen der anderen Kulturkreise und Orte. Zum anderen greift sie selber immer wieder in Aktionen und Ausstellungen auf das Ur-Modul und seine Weiterverarbeitungsformen zurück und entwickelt es in ortsbezogenen Bildräumen weiter.

 

In GOBO_LINE werden diese beiden Ebenen kombiniert. Die Produkte der anderen Akteure werden von der Künstlerin als Material in die eigene Arbeit wieder aufgenommen und zu einer schlüssigen Installation über die beiden Raumebenen im "E324 - Raum für Kunst" angeordnet.

 

GOBO_LINE beschäftigt sich mit dem Thema von Flächen, Linien und Wegen im Raum. Der Teppich als "Läufer" führt die dynamische Bewegung der Linie im Raum vor. Im oberen Raum wird die Wand als Träger der "textilen Musterblöcke" instrumentalisiert. Sie läuft rundherum auf das Video eines motorisierten Laufbands zu, das den "Läufer" beschleunigt, bis er bedingt durch die Trägheit des Auges zu einer dynamischen farbigen Bildfläche verschmilzt. Diese Stufe der Materialisierung des "ongoing projects" bedeutet einen Rückgewinn von Bildhaftigkeit aus dem dreidimensionalen textilen Material, das seinerseits eine Weiterentwicklung der zweidimensionalen Mustervorlage war, die ihrerseits aus einem immateriellen Schnipsel eines vorgeblich dreidimensionalen Filmraumes stammte.

 

Die horizontale Bewegung des oberen Raumes wird an der Treppenwand durch einen weiteren "textilen Musterblock" nach unten geführt. Hier findet der Betrachter das Original-Laufband mit einem aufgespannten "Musterblock", dessen Motorengeräusch, durch die ganze Ausstellung zu hören ist. Die Wände sind gefüllt, fast überfüllt mit Teppichen in erster Linie aus China. Das Laufband läuft in "chinaspeed", wie die Shanghaier ihre eigene Lebensgeschwindigkeit benennen. Die Masse der dort produzierten "Musterblöcke" überflutet, getrieben durch die Geschwindigkeit der Maschine, die Produkte der anderen Orte. Nur der von der Künstlerin an einer eigenen Wand zum Bild inszenierte indische Läufer kann ein Ruhepunkt in dieser überbordenden Bewegung bieten.

 

Michaela Rotsch studierte an der Münchner Akademie der Bildenden Künste Malerei und in der Meisterklasse für visuelle Medien bei Prof. Peter Weibel in Wien. Ihr Werkprozess ist bestimmt von interdisziplinären, intermedialen und interkulturellen Projekten wie Installationen. Diese bilden prozessorientierte Organisationsstrukturen für weitere Denk-, Handlungs- und Produktionsräume.

 

Dr. Cornelia Oßwald-Hoffmann

 

 

Für weitere Informationen zur Ausstellung oder zur Künstlerin wenden Sie sich bitte an Esther Donatz unter Mob.: 01577-1733 324 oder mail@e324.de.

 

Bilder der Ausstellung

 

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